Unsere Geschichte - Berlin der 20iger u.a....?

hier geht's um geschlechtsidentitäten. wie definiert ihr euch? und was bedeutet euch das?

Beitragvon miss.behavior » 27.01.2005, 14:43

pingu hat geschrieben:@miss b.: sorry, ich hab das buch nicht gefunden, grummel. dafuer eines das biographien von lesben enthaelt die so anfang das 19/20 jahrhunderts gelebt haben. leider hatte ich gestern keine zeit mehr den titel abzuschreiben, kommt noch. ist jedoch auf englisch, aber das duerfte ja kein prob sein??

nö, englisch ist kein problem, sondern mir eine freude. :wink:
und auch wenn das buch evtl. für meine prüfung (die sich ja auf d-land konzentriert) nicht viel bringt, interessierts mich auch sonst. danke fürs nachgucken! :D
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Beitragvon pingu » 28.01.2005, 14:00

so, nun die zwei spaehrlichen literatur-tips (tips ist witzig, ich hab das selber ja nicht gelesen....):

a) Jane Rule "Lesbian Images", The Crossing Press/Feminist Series
ISBN: 0-89594-088-4 Biblios einger Lesben aus dem 19/20 Jhr.

b) Lilian Faderman "A History Of Lesbian Life In Twentieth-Century America", Penguin-Book/Women's Studies Social History
ISBN: 0-14-017122-3

@missb:
keine ahnung obs die noch zum kaufen gibt...wenn sie dich so brennend interessieren musst halt zum lesen vorbeikommen :wink:
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Beitragvon rattevomfels » 28.01.2005, 15:14

hllo ihr, in "mein lesbisches auge 4" sind eon paar kleine artikel zu lesbengeschichte, der eine beginnt mit "der kesse vater und seine beziehung zu den geschlechtscharackteren", kann mich nich mehr genau daran erinnern, was da drin stand, aber am ende der artikel sind auch literaturverzeichnisse, vielleicht hilft dir ja irgendwas davon weiter und ansonsten vielleicht auch die autorinnen.

regina nössler; laura meritt: "mein lesbisches auge 4"; Das jahrbuch der erotik XIXa; konkursbuch verlag 2004, ISBN 3-88769-191-1

diese bücher sollten in keinem (lesben)haushalt fehlen :wink:
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Beitragvon rattevomfels » 28.01.2005, 15:35

ansonsten auch nach publikationen des whk - "wissenschaftlich-humanitäres komitee" suchen, das ist glaube ich das von hirschfeld gegründete ding. in dem buch, dass ich grad zur hand habe wird auf ein weiteres verwiesen:
kuckuc, I., "der kampf gegen die unterdrückung", materialien aus der deutschen lesbierinnnbewegung, münchen 1975

*noch mal im bücherschrank wühlt*

finde nur was zu geschichte der frauenbewegung, das eine buch
rosemarie nave-herz, "die geschichte der frauenbewegung in deutschland"
ist in vielen auflagen erschienen, ich hab eine von der bundeszentrale für politische bildung und eines von der landeszentrale niedersachsen.

letzten sommer hatte ich ein buch gelesen,welches den sub der 60er 70er jahre beschreibt, sehr schön, vor allem auch was die frauenbewegten und die anderen sublesben angeht, bei denen es auch eine sehr starke butch/femme dynamik gab (und ganz wichtig die rolle der bardame... ihr werdet alles wiedeerkennen *gg*) :
ilse kokula, "formen der lesbischen subkultur", vergesellschaftung und soziale bewegung, verlag rosa winckel, 1983, sozialwissenschaftliche studien zur homosexualität 3 hg rüdiger lautmann

hoffe das hilft oder interessiert irgendwen
greez
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Beitragvon aliah4 » 28.01.2005, 16:57

Ob's hilft, kann ich nicht sagen :wink: , interessieren tut es mich auf jeden Fall!
Danke und allen Prüfungsgestressten fest die Daumen drückt!

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Beitragvon ladytramp » 28.01.2005, 18:20

Insgesamt gibt es mittlerweile schon einiges über lesbische Geschichte in Deutschland, allerdings ziemlich verstreut und die Frage, ob sich die jeweiligen Personen als Butch/Femme bzw. KV/M oder so gesehen haben, ist in verschiedener Hinsicht schwer zu beantworten. Zum einen handelt es sich bei B/F um einen Anachronismus, Butch oder Femme als Selbtbezeichnung wird man also nicht finden. Zum anderen muß man in Rechnung stellen, daß der Umgang mit Sexualität im allgemeinen und Homosexualität insbesondere vor 1968 ein ganz anderer war. Informationen waren nicht besonders leicht zugänglich und so ist es auch mit den anderen Bezeichnungen so eine Sache. Zumal eine Orientierung an dem heterosexuellen "Normalverhältnis" mit Sicherheit häufiger war als heute, wo viele verschiedene Lebensstile denkbar sind.
Lange Rede, kurzer Sinn: hier einige Literaturtipps zu Lesbengeschichte, nicht speziell zu B/F, aber auch zu B/F:
Claudia Schoppmann: "Der Skorpion". Frauenliebe in der Weimarer Republik. Hamburg 1985
Claudia Schoppmann: Verbotene Verhältnisse - Frauenliebe 1938-1945. Berlin 1999
Claudia Schoppmann: Zeit der Maskierung. Lebensgeschichte lesbischer Frauen im "Dritten Reich". Frankfurt a. M. 1998
Ilse Kokula: Weibliche Homosexualität um 1900 in zeitgenössischen Dokumenten. 1981
Ilse Kokula: Formen lesbischer Subkultur. 1983
Ilse Kokula: Jahre des Glücks, Jahre des Leids. Gespräche mit älteren lesbischen Frauen. 1986
Adele Meyer: Lila Nächte. Die Damenklubs der Zwanziger Jahre. Berlin 1994
Eldorado. Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850-1950. Geschichte, Alltag, Kultur. 1984
Teilweise bezieht sich die Literatur auch auf die Schweiz und Österreich. Ich muß zugeben, daß ich noch nicht alle Bücher gelesen habe, insofern ein paar Angaben ohne Gewähr, aber ich denke auf jeden Fall interessant.
Sich über die eigene Geschichte bewußt zu werden, halte ich für sehr wichtig, vor allem, wenn es darum geht eine Identität zu entwickeln. Insofern finde ich diese Frage unter Gender- unendliche Welten gar nicht so verkehrt.
Insgesamt finde ich es schade, daß die lesbische Geschichte so im Hintergrund abläuft, während es in Berlin seit kurzem sogar ein Museum für schwule Geschichte gibt. Ich fände es wünschenswert, wenn sich so etwas auf lesbischer Seite auch entwickeln würde, denn auf Kinder, die unser kulturelles Gedächtnis darstellen, können wir, glaube ich, nur bedingt zählen :lol:
Der letzte Literaturtip ist übrigens ein Ausstellungskatalog von einer Ausstellung, aus der sich das Museum für schwule Geschichte u. a. entwickelt hat. Vielleicht können wir ja auch mal an so etwas anschließen (von einer rosigen Zukunft träumend fade ich mich hier aus :D )
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Beitragvon miss.behavior » 28.01.2005, 23:36

vielen vielen dank für die literaturhinweise, pingu, rattevomfels & ladytramp! :D das meiste kenne ich zwar, aber ich hatte nicht mehr alles davon im kopf.

@ pingu:
jane rule kommt mir vage bekannt vor, hatte ich glaub ich mal in der unibibliothek in der hand. guck ich auf jeden fall nochmal rein.
und das buch von lillian faderman heisst mit vollem titel "odd girls and twilight lovers. a history of lesbian life in twentieth-century america", kann das sein? das hab ich nämlich.

@ rattevomfels:
von "mein lesbisches auge" kenn ich nur die ersten beiden ausgaben (XIIIa & XVa), und da ich nicht so begeistert war, hab ich danach keine mehr gekauft. aber vielleicht steht das ja zum reingucken hier im frauenbuchladen.
kukuc enthält nur sachen aus den 60er/70er jahren ("ina kukuc" ist übrigens das frühere pseudonym von ilse kokula), ist für meine zwecke also nicht so geeignet.
nave-herz kenn ich glaub ich nicht, aber das klingt so, als wäre das in bibliotheken zu finden.
und kokula hab ich ebenfalls im regal. ich find ja das engagiert-frauenbewegte der autorin/interviewerin teilweise etwas anstrengend, finde das buch aber aus genau diesem grund auch interessant zu lesen -- es macht nämlich auch deutlich, wie sehr die fragestellung die antworten bei einem solchen interview beeinflusst. und es zeigt (indirekt), was frauenbewegte lesben in den frühen 80ern von der barkultur der 60er/70er gehalten haben...

@ ladytramp:
die bücher von schoppmann kenne ich alle. spannend ist auch noch der dreibändige roman "der skorpion", auf den sich der titel des einen buchs bezieht (hier steht noch mehr dazu, und auch zu anderen büchern übrigens: http://www.kingzconnection.com/board/vi ... 8&start=15 )
von kokula kenne ich auch alle drei.
"lila nächte" kommt mir als titel vage bekannt vor, kann das sein, dass es da speziell um österreich geht? mir ist so, als hätte ich das aus irgendeinem grund nicht näher angeguckt...
und "eldorado" ist wirklich ein schönes buch, vor allem wegen der vielen bilder/nachdrucke von anzeigen, zeitungscovern u.ä. der schwule teil ist allerdings grösser als der lesbische, wenn ich das recht erinnere.

ladytramp hat geschrieben:die Frage, ob sich die jeweiligen Personen als Butch/Femme bzw. KV/M oder so gesehen haben, ist in verschiedener Hinsicht schwer zu beantworten. Zum einen handelt es sich bei B/F um einen Anachronismus, Butch oder Femme als Selbtbezeichnung wird man also nicht finden.

genau das meinte ich, als ich davon sprach, ahistorisch mit den begriffen umzugehen. die gleiche einschränkung gilt allerdings auch für alle anderen begriffe (lesbisch, homosexuell, kesser vater, etc.), denn auch die sind zu einem bestimmten historischen zeitpunkt erst entstanden. aber das hast du ja auch schon angedeutet.

ladytramp hat geschrieben:Zum anderen muß man in Rechnung stellen, daß der Umgang mit Sexualität im allgemeinen und Homosexualität insbesondere vor 1968 ein ganz anderer war. Informationen waren nicht besonders leicht zugänglich und so ist es auch mit den anderen Bezeichnungen so eine Sache. Zumal eine Orientierung an dem heterosexuellen "Normalverhältnis" mit Sicherheit häufiger war als heute, wo viele verschiedene Lebensstile denkbar sind.

genau. und um damit meinen faden von oben weiterzuführen:
wenn ich persönlich nach "butch/femme-geschichte" ausschau halte, dann meine ich erstmal undifferenziert *alles*, was ich aus meiner perspektive potentiell als butch/femme *lesen* kann. an dieser sammlung von bildern & geschichte/n habe dann ein zweigeteiltes interesse:

einerseits geht es mir erstmal um das blosse *gefühl*, dass ich mit meinem gender und meiner sexualität in gewissem sinne "vorfahrinnen" habe. also dieses "kommt mir irgendwie bekannt vor" beim blick zurück. und dafür reisse ich auch durchaus mal dinge aus ihrem historischen kontext -- im klaren bewusstsein darüber, dass ich eben dies tue.

andererseits interessieren mich aber auch die historischen fakten, d.h. vor allem die frage, was das, was für mich heute so "butch/femme" aussieht, denn *damals* bedeutet hat -- für die beteiligten, für "die gesellschaft", für "die wissenschaft" (hier v.a. medizin & psychologie). und da ist es natürlich entscheidend wichtig, sich klarzumachen, dass zu anderen zeiten anders über geschlecht und sexualität gedacht wurde, als wir das heute tun, und dass dieses "denken" zu jeder zeit einen einfluss nicht nur auf das sich-identifizieren und verhalten, sondern auch auf das fühlen der menschen hat.

insofern ist es für mich durchaus möglich, mich an meinen lesarten bestimmter (nicht nur) historischer bilder/texte zu erfreuen ("das klingt für mich total butch/femme", "die frauen hier haben männerkleidung an, deswegen les ich die als butches"), und gleichzeitig zu wissen, dass diese lesarten eventuell nicht unbedingt viel mit der realität (damals wie heute) zu tun haben...
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Beitragvon rattevomfels » 29.01.2005, 02:13

nave-herz kenn ich glaub ich nicht, aber das klingt so, als wäre das in bibliotheken zu finden.
und kokula hab ich ebenfalls im regal. ich find ja das engagiert-frauenbewegte der autorin/interviewerin teilweise etwas anstrengend, finde das buch aber aus genau diesem grund auch interessant zu lesen -- es macht nämlich auch deutlich, wie sehr die fragestellung die antworten bei einem solchen interview beeinflusst. und es zeigt (indirekt), was frauenbewegte lesben in den frühen 80ern von der barkultur der 60er/70er gehalten haben...


nave herz sollte auf jeden fall in der bibo zu finden sein, sonst bei den zentralen für politische bildung in den katalog schauen.
der stil ist wirklich spannend

was ich heut mittag eigentlich noch anfügen wollte, ich daran aber gehindert wurde, weil die festplatte mal wieder crashte ( diesmal mit physikalischem fehler, aber bafoeg ist endlich da und morgen gibts einen neuen rechner *jubel hüpf freu* :D :D :mrgreen: :mrgreen: ) ist: frag doch einfach die frauenbuchhändlerin deines vertrauens beziehungsweise stöbere in den unteren und oberen regalen. meine hier in göttingen, hat sehr viel wissenschaftliche literatur und davon halt viel zu geschichte.

ich fand den skorpion übrigens scheußlich, ich hatte angefangen ihn zu lesen, als ich im coming out gerade soweit war, keines dieser uralten(deswegen gab es sie in der stadtbibo) depribücher mehr lesen zu wollen. vielleicht schaff ich es ja irgendwann noch mal ihn im ganzen zu lesen.

ein ergebniss bei der literatur suche könnte es auch in den unibibos geben, in den städten die schon lange frauenforschung anbieten, ansonsten, wenn (noch) vorhanden frauenstadtarchive. in den 70/80er jahren wurde ja viel geforscht von den frauenbewegten und das muss lles noch irgendwo rumliegen. kann ja nich nur kuckuc gewesen sein, nee? ;)

was auch noch spannend ist, sind die lider dieser zeit, hab hier ein album nennt sich: "schwule lieder, historische aufnahmen 1908-1933" ist tatsächlich hauptsächlich schwul aber am ende kommt dann das sahnehäubschen: 10 lieder von (das kommt noch muss nur erst meine daten retten)
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Beitragvon Diva » 29.01.2005, 21:01

Hallo,
nachdem ich den Thread eröffnet hatte, habe ich das Thema leider für ruhigere Zeiten in meinem Leben auf Eis gelegt. Aber Thorndyke hatte in dem Eyecandy-Thread schon mal auf meine Frage nach Literatur und Quellen geantwortet und ich dachte, ich transportier das mal hierher, weil es eher hier mit reingehört. Einiges ist schon erwähnt worden hier, aber ich hab den Text jetzt so gelassen:
Thorndyke hat geschrieben:Ich bin fündig geworden in:
Ulrich, Barbara: The Hot Girls of Weimar Berlin
Gordon, Mel: Voluptuous Panic
Fioretos, Aris: Die Wahrheit über Sascha Knisch (sehr spannender Krimi, dem eine äußerst gründliche Recherche über erotische Subkulturen zur Zeit der Weimarer Republik zugrunde liegt. Da ist kein Geschlecht wie es zu sein scheint)
Von den drei Büchern gibt es Beschreibungen bei http://www.lustwandel.de

Ansonsten natürlich einige Texte von Claire Waldoff und stellenweise Auszüge aus ihrer Autobiographie "Weeßte noch?" - gibt es nur noch antiquarisch (ihre Beschreibungen von Frauenpartys sind der Brüller - da hat sich nix geändert). Claudia Schoppmann forscht zur Weimarer Republik, bei ihr finden sich auch Stellen zu Kessen Vättern und Muttis.
Und natürlich "Der Skorpion" von Elisabeth Weirauch (oder so..), die 3 Teile sind mal in einem Reprint bei einem sehr kleinen Frauenverlag erschienen, kann man sich bei ebay zusammen suchen oder über http://www.zvab.com. Der Skorpion ist ungefähr das deutsche Pendant zu "Quell der Einsamkeit", leider auch ähnlich fett und etwas deprimierend auf die Dauer.

Wohltat's haut gerade eine Doppel-CD raus "Schwule Lieder. Historische Schwule & Lesbische Aufnahmen 1908-1933"


Liebe Grüße,
Diva
"Moralische Entrüstung ist Eifersucht mit einem Heiligenschein." H.G.Wells
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Beitragvon ladytramp » 31.01.2005, 00:46

Vielleicht ist es an anderer Stelle ja schon erwähnt worden, aber manchmal kann Redundanz ja auch nützlich sein :lol: Ich denke, daß "Die Freundin" auch eine interessante Quelle ist, um sich die Situation in den zwanziger Jahren vor Augen zu führen.
@ miss.behavior
andererseits interessieren mich aber auch die historischen fakten, d.h. vor allem die frage, was das, was für mich heute so "butch/femme" aussieht, denn *damals* bedeutet hat -- für die beteiligten, für "die gesellschaft", für "die wissenschaft" (hier v.a. medizin & psychologie). und da ist es natürlich entscheidend wichtig, sich klarzumachen, dass zu anderen zeiten anders über geschlecht und sexualität gedacht wurde, als wir das heute tun, und dass dieses "denken" zu jeder zeit einen einfluss nicht nur auf das sich-identifizieren und verhalten, sondern auch auf das fühlen der menschen hat.

Das finde ich auch sehr interessant. Wenn man sich mit den historischen Bildern und Erklärungen für Homosexualität und B/F insbesondere beschäftigt, bekommt man ein Gefühl dafür wie relativ zeitgenössische Urteile sind - auch heute.
Ich bin immer ganz baff, wie Zeitgeist abhängig diese Bilder sind. So sind ja z. B. die ganzen medizinischen und psychologischen Erklärungen für Homosexualität beinahe exakt genau so alt, wie der Aufschwung der Medizin und der Naturwissenschaften als universitäre Disziplinen überhaupt. Foucault hat das ja deutlich gemacht, kann man aber auch an anderen Stellen finden. Als sich dann im Zeitgeist durch den Sozialdarwinismus etc. biologistische und rassistische Ideen durchgesetzt haben, da war dann klar, daß es sich um biologische "Entartungen" handelte, die "auszumerzen" waren. Außer dieser Perspektive ergab sich dann auch eine Veränderung in der moralischen Bewertung: War im Sodomie-Paragraphen noch die Femme, die Schlimme, war es jetzt die äußerlich auffälligere Butch. Mit dem Aufschwung der Erziehungs- und Sozialwissenschaften war es dann die Erziehung (Vorteil: die Kriminalisierung fiel dadurch weg), als die Genetik schwer im Kommen war, waren es die Gene, dann die Hormone und jetzt sollen es wohl die Gehirnhälften sein. Schon faszinierend wie parallel diese Interpretationen zur jeweils angesagten Wissenschaft und dem von ihr geprägten Zeitgeist verhalten.
Wenn man sich das vor Augen hält, fällt es einem auch leichter mit manchem gesellschaftlichen Urteil umzugehen. Manche homophobe Äußerung wird dadurch nur noch lächerlich, nicht mal mehr ärgerlich: "Sag mir Deine Meinung und ich sage Dir, wer für Dich denkt"
Mal von diesem Plädoyer für die Relativität des historischen Urteils abgesehen, finde ich es auch spannend nach unseren Vorgängerinnen zu suchen. Claire Waldorff finde ich z. B. unglaublich spannend. Und ich denke auch nicht, daß Anachronismen da unzulässig sind. Nur weil es noch kein Wort gab, bedeutet das ja nicht zwangsläufig, daß es das Phänomen noch nicht gab, nicht wahr?
Um es pathetisch auszudrücken (wenn ich müde bin, habe ich da scheinbar einen Hang zu, sorry): Fest verwurzelt, steht man einfach sicherer!
Na ja, der Satz wird mir wohl morgen peinlich sein. Was soll´s.
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